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Gewalt ist toleriert!


15.06.2012

Stell dir vor, du gehst die Strasse entlang. Die Strasse ist nicht dicht bevölkert, dennoch bist du bei weitem nicht alleine. Ganz in deiner Nähe siehst du wie ein Mann einen anderen Mann ins Gesicht schlägt und ihn weiterhin bedrängt. Das Opfer ist ganz offensichtlich nicht in der Lage, sich alleine zu wehren und es droht noch mehr Gewalt. Wie lange geht es, bist du eingreifst?

Allzu oft sehen Menschen Gewalt...setzen die Augenklappen auf und gehen daran vorbei! Als wäre es normal, jemanden zu verprügeln, zu bedrängen, zu bedrohen. In kleinem Rahmen reagieren wir ja nicht einmal mehr entsetzt: schreien Menschen einander an, schütteln wir doch höchstens vielleicht ein bisschen den Kopf "Was soll denn das nun schon wieder? Können die das nicht diskreter machen, damit ich in meinem Alltag nicht gestört werde! Geht mich doch nichts an!". Wir nehmen auch ohne weiteres in Kauf, dass eine Versicherung nichts zahlt, wenn der Wagen bei einem Raub nicht abgeschlossen war. Es ist also in Ordnung, einen Wagen auszurauben, nur weil er nicht abgeschlossen war? Ist es etwa auch normal, eine Frau zu vergewaltigen, nur weil ihr Mini-Rock zu kurz und der Ausschnitt zu gross war? Oder jemanden zu verprügeln, weil man provoziert wurde oder betrunken war?

Es geht mir nicht darum, dass wir uns andauernd und überall einmischen sollten, wenn es uns tatsächlich nichts angeht. Wobei wir dies ja liebend gerne tun, wenn wir uns damit nicht in Gefahr bringen! Vielleicht liegt auch genau da der Schlüssel:
Wir haben Angst, uns selbst in Gefahr zu bringen, wenn wir uns einmischen! Wenn wir tatsächlich dem Opfer zu Hilfe rennen, gehen wir das Risiko ein, selbst in Gefahr zu geraten.

Wir haben uns an Gewalt wohl oder Übel gewöhnt, bzw. wir haben uns daran gewöhnt, die Tatsachen zu verdrängen, in der Hoffnung, dass wir selbst nie in eine ungemütliche Situation kommen. Gewalt ist überall und in vielen Formen: auf der Strasse werden Menschen angerempelt. Schüler werden in der Schule gemobbt. Autofahrer machen Unfälle und andere fahren vorbei. Bei den Nachbarn wird die Tochter hörbar verprügelt. Bei Freunden erleidet ein Kind Misshandlungen. In Kriegsregionen werden Frauen vergewaltigt. Mädchen und Jungen werden sinnlos und qualvoll beschnitten. Frauen erleiden Zwangsabtreibungen. Ganze Völker werden bevormundet und von ihrem Land vertrieben.

In den meisten Fällen sind wir uns nicht einmal bewusst, wie stark Gewalt unseren Alltag regiert: wir warnen unsere Kinder vor Übeltätern auf dem Schulweg. Wir warnen sie vor körperlichen Übergriffen. Wir besuchen Selbstverteidigungskurse.  Wir machen nachts Umwege um gewisse Strassen, wenn wir überhaupt nachts zu Fuss unterwegs sind. Wir schliessen Haus- und Autotüren ab. Wir ketten unsere Fahrräder und Tretroller an. Wir gehen als Frau nicht alleine auf Reisen. Manche Länder meiden wir auch in guter Begleitung. 

Wir glauben, dass wir alleine dastehen. Wir glauben, dass wir alleine zurecht kommen müssen. Wir haben das Vertrauen in andere Menschen verloren und haben uns damit abgefunden. Tatsache ist oft: wir handeln nicht! Es macht für mich keinen Unterschied, ob wir aus Angst, aus Hoffnungslosigkeit, aus Hilflosigkeit, aus Gleichgültigkeit oder aus Lähmung nicht handeln. All diese Gründe nicht zu handeln, tragen eine unbewusste und kranke Botschaft in sich, die sich tief in uns eingeprägt hat und die wir unseren Kindern mit auf den Weg geben:
Gewalt ist toleriert! 

Irgendwie, irgendwann hat Gewalt ihren Thron eingenommen und wurde seither immer mächtiger. Wir nehmen sie hin, wenn auch ungern. Als Notlösung machen wir eine Unterscheidung zwischen "tolerierbarer Gewalt" (Schreie, Respektlosigkeit, ...) und "untolerierbarer Gewalt" (Vergewaltigung, Mord, ...). Doch die Grenze ist verschwommen und schwer zu handhaben. Ist es nicht krank, dass diese Unterscheidung überhaupt existiert? Ist es nicht krank, dass wir Gewalt überhaupt in irgendeiner Form tolerieren?

In einem kleinen afrikanischen Dorf hatten Frauen genug davon, immer und immer wieder häusliche Gewalt zu erleiden. Bis sie eines Tages eine Idee umsetzten: jede Frau trug von dem Tag an eine Trillerpfeife bei sich. Sobald eine unter ihnen bedrängt wurde, pfiff sie kräftig und alle Frauen in den benachbarten Hütten kamen herbeigerannt, um ihr zu helfen. Das ging nicht lange so und die häusliche Gewalt nahm massiv ab, bis sie gar nicht mehr auftauchte. Die Männer wussten, dass diese Art Gewalt nicht mehr toleriert war und dass sie gegen vereinte Frauen keine Chance hatten.

Es braucht nicht viel, nur ein einziger Mensch, eine einzige Idee, eine einzige Handlung und plötzlich fühlt man sich als unbekannte Gruppe bestärkt und zur Handlung befähigt. Was wäre, wenn wir alle eine unsichtbare Trillerpfeife bei uns tragen würden und alle Menschen in Reichweite unseren Hilferuf hören würden? Was wäre, wenn wir bei den geringsten Gewaltanzeichgen reagieren würden? Manch einer würde sich bei voller Tat ertappt fühlen, wenn wir schon nur einen auffordernden Blick in die richtige Richtung werfen würden.

"Wir tolerieren keine Gewalt!"
Das sollten unsere Blicke und unsere Handlungen ausdrücken!

Wenn unsere eigenen Kinder bedroht werden, schreiten wir ohne zu zögern ein. Bevor es uns überhaupt bewusst wird, schaltet der Körper blitzschnell das Notfallprogramm ein. Wieso sollte dieser Beschützerinstinkt nicht funktionieren, wenn es sich um Menschen handelt, die uns nicht ganz so nahe stehen? Haben sie nicht genau dasselbe Recht auf Schutz? Sobald auch nur einer den "Ruf der Trillerpfeife" hört und handelt, bemächtigt er auch andere, mitzuhelfen! Und wenn wir uns alle darauf einlassen, sind wir bald zu zweit, zu dritt, zu viert... und Täter können nur noch hoffen, dass sie schnell genug rennen können!

Und plötzlich lassen wir unsere Kinder unbesorgt zu Fuss zur Schule gehen. Plötzlich gehen wir unbesorgt Nachts spazieren. Plötzlich bereisen wir jene Länder, von denen wir nur zu träumen wagten. Plötzlich wird das dumpfe Gefühl der Angst durch Zuversicht und Vertrauen ersetzt. 


© Franziska Neuhaus - Afriska.ch 2007
© Franziska Neuhaus - Afriska.ch 2007-2013
Update | 22.05.2013
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